Meine Rezensionen

Mittwoch, 25. November 2015

[REZENSION] DIE ERSTAUNLICHE WIRKUNG VON GLÜCK VON SUSANN REHLEIN


26891681
Quelle: goodreads.com

Hardcover  
Erscheinungsdatum: 13. Oktober 2015
Seiten: 320
Preis: 18 €
 
ISBN: 978-3-8321-9806-0
Verlag: DuMont

Handlungsort: Berlin 

VERLAGSTEXT
Dorle lebt im Souterrain eines herrschaftlichen Hauses, in dem sonst nur wohlhabende, knarzige alte Leute wohnen. In Heimarbeit steckt sie für eine Kronleuchtermanufaktur Kristalle zusammen. Und sie lässt sich von ihren Nachbarn als Concierge missbrauchen, obwohl sie gar nicht die Concierge ist. Doch Dorle ist genügsam und zufrieden mit ihrem Leben. Ganz im Gegensatz zu Annegret Sonne, vierundachtzig und voller Lebenslust. Als Frau Sonne sich zu einer dreimonatigen Reise aufmacht, bittet sie Dorle, ihre Wohnung zu hüten. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Wohnung handelt. Sie hat angeblich eine Aura, es lebt ein Kater darin, der Dinge kann, die normale Kater nicht können und per Fax treffen Aufgaben für Dorle ein, die sie an den Rand des Wahnsinns bringen. Sie muss zum Sport, zu jemandem unfreundlich sein und kochen. Sogar Dates hat sie plötzlich. Gut, die Männer sind alle über achtzig, aber sie verstehen etwas von der Liebe. So hat Joe, Dorles einziger Freund, alle Hände voll zu tun, um im Rennen zu bleiben.  

Ich findes das Cover wunderschön, es hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Leider ist der Buchumschlag nicht sehr robust, er sieht sehr schnell total abgegriffen aus. Mein Tipp: Den Umschlag während des Lesen beiseite legen. Hätte ich besser auch gemacht... 

Dorothea Brunkhorst ist Mitte 20 und lebt in Berlin in einem herrschaftlichen Haus im Souterrain.
"... sie hat fünfzehn Quadratmeter Souterrain nur für sich allein, ..."
Sie selbst nennt sich nur Dorle, ist sehr klein und zierlich. Von den Nachbarn, die alle jenseits der 70 sind, wird sie kaum wahrgenommen. Außer sie brauchen Hilfe, dann wird Dorle zur Concierge und erledigt jeden noch so erniedrigenden Auftrag. Manchmal legen die Nachbarn ihr einfach Sachen vor die Tür... Gedankt wird ihr dafür zwar nicht, aber wenn sie doch mal eine Kleinigkeit bekommt (z. B. eine abgelegte Strickjacke) dann ist sie sehr dankbar. Dorle ist in einem Heim aufgewachsen, über ihre Familie erfährt man nur wenig. Besonders gut ging es ihr dort nicht, denn sie wurde schlimm gehänselt und gedemütigt. 
"Da kommen all ihre Probleme her: Sie sind ein dreckiges Heimkind, das niemandem etwas wert ist. Das waren Sie, das sind Sie, und das werden Sie immer sein." 
Auch heute hat sie weder Familie, noch Freunde oder Bekannte. Sie hat nur Joe. 
"Immer will er einen umarmen und macht alles rasend schnell und mit doppelt so vielen Bewegungen wie nötig. Wenn er redet, nimmt sein Mund die ganze untere Hälfte des Gesichts ein, seine Augen zucken, die Ohren wackeln, und sogar seine blonden ungekämmten Haare beben."
Dorle steckt in Heimarbeit Kristalle für eine Kronleuchtermanukfaktur zusammen. Joe liefert ihr die Einzelteile und holt die fertige Ware wieder ab. Er ist in sie verliebt und wirbt um sie, doch Dorle lässt keine Gefühle zu. Natürlich ist sie längst auch in ihn verliebt, aber sie ist noch ungeküsst und völlig unerfahren. Die Treffen und Gespräche der beiden könnte man wohl als recht merkwürdig bezeichnen, aber irgendwie passt es zu diesem unkonventionellen Schmöker.

Dorle hat einen streng geregelten Tagesablauf, der hauptsächlich aus Arbeit und Erledigungen für die Nachbarn besteht. Jeden Mittag isst sie ein Mettbrötchen, immer in ihr Arbeitskleid, Stiefel und in eine altmodische Weste gehüllt. Eigentlich kann man behaupten, dass Dorle keinerlei Ansprüche an sich und das Leben im Allgemeinen hat.

Dann treten plötzlich und unerwartet Frau Schräubchen und Frau Sonne in ihr Leben. Sie bieten ihr einen Deal an, den sie nicht ausschlagen kann. Für 6000 Euro soll sie drei Monate Frau Sonnes Wohnung hüten und sich um die Katze kümmern. Zudem erhält sie Aufträge per Fax, die sie zu erfüllen hat. Allerdings erlauben sie ihr nicht, ihre Wohnung im Souterrain zu betreten und Aufträge der Nachbarn anzunehmen.

Dorles Leben ändert sich praktisch mit dem Einzug in Frau Sonnes Wohnung. Sie trägt schönere Kleidung, schminkt sich, geht zur Massage, ins Fitnessstudio, macht Klangschalentherapie... alles Aufträge der 84-jährigen Annegret Sonne. Trotz der vielen neuen Glücksmomente in Dorles Leben, merkt man schnell, dass sie mit den (normalen) Rückschlägen des Lebens einfach nicht klar kommt. Man hat sie aus ihrer Lethargie gerissen und den "Wölfen" zum Fraß vorgeworfen. Auch kann sie einfach nicht aufhören, Dinge für andere zu erledigen. Sie sitzt in einem Café und fängt plötzlich an ihr Geschirr selbst hinter die Theke zu tragen. Der Besitzer ist sehr irritiert über das Verhalten seiner neuen Stammkundin. Auch die Bewohner merken überhaupt nicht, dass sie die "Concierge" aus dem Souterrain ist, daran merkt man schon, wie unsichtbar Dorle vorher war.

Wird Dorle das Leben außerhalb ihrer vier Wände meistern können? Werden sie und Joe zusammenfinden?

Für mich war das Lesen dieses Schmökers eine emotionale Berg- und Talfahrt. Die Geschichte war einfach zauberhaft, aber stellenweise hat es mich echt den letzten Nerv gekostet. Manchmal habe ich einfach nicht verstanden, was die Autorin sagen möchte. Auch die "Zwischenrufe" der Autorin an den Leser - so eine Art Brief bzw. eine Erklärung - mitten in der Geschichte haben mich gestört. Während des Lesens möchte ich komplett in die Geschichte abtauchen können. "Do not disturb!" 
Ich war auch etwas irritiert, als Dorle einen 81-jährigen Mann gebeten hat sie zu küssen - ihren ersten Kuss wohlgemerkt. Meistens fand ich die Naivität von Dorle wirklich entzückend, aber manchmal... Sie steht schon vor einem Riesenproblem wenn der Akku ihres Handys leer ist.
"Das Telefon, das du mir gegeben hast, ist kaputt", sagt Dorle.
"Wahrscheinlich ist der Akku leer", sagt er. 
Susann Rehlein hat einen sehr flüssigen und angenehmen Schreibstil. Sie hat regelrecht mit den Worten jongliert. Einfach toll! Ich muss schon sagen, die Geschichte war für mich eine echte Herausforderung, denn ich musste des Öfteren über den eigenen Tellerrand hinaus schauen. Ich lese sehr gerne Geschichten die ziemlich nah an der Realität sind, doch hier war Magie mit im Spiel, oder sagen wir mal so, sie hat sozusagen die Realität etwas "ausgedehnt". Blumen die man nicht gießen darf und die täglich eine Klangschalentherapie-Sitzung bekommen, ein Wolpertinger (Fabelwesen) der seinen Standort selbst verändert und Frau Sonnes Wohnung, die seit Dorles Anwesenheit eine schlechte Aura hat.

Susann Rehlein hat auch viel Wert auf die Ausarbeitung der Nebencharaktere gelegt. Sei es der Metzger von gegenüber, die Nachbarn im Haus, ...

Das Ende. Ja das Ende. Komischerweise habe ich mir während des Lesens darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Wie sollte dieses Buch schon enden?! Entweder sie kriegt ihn, oder sie kriegt ihn nicht. Ich habe viele Dinge einfach so hingenommen, da es einfach zum sehr eigenwilligen Schreibstil der Autorin oder auch zu Dorles Leben gepasst hat. Doch am Ende bekam ich auf Fragen, die ich mir nie gestellt habe, eine Antwort. 

Fazit: Das Lesen dieses Buches hat mich sehr herausgefordert, da die Erzählung sehr eigenwillig/besonders ist. Die Autorin hat mich manchmal an meine Grenzen gebracht, weil ich einfach nicht verstanden habe wovon sie "redet". Dennoch fand ich es zauberhaft und Dorle ist halt einfach (herrlich) anders. Normal kann doch jeder!!!

DIE AUTORIN
Susann Rehlein ist in Leipzig geboren und arbeitet als Journalistin und Lektorin. Die deutsche Autorin lebt in Berlin-Kreuzberg. Ihr Romandebüt "Auch die Liebe hat drei Seiten" wurde 2013 bei Ullstein Bucherverlage veröffentlicht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen